Liebe Freunde und Verwandte,
nun versuch ich wieder einmal, ein paar vernünftige Worte auf’s Papier zu bringen. Ich weiß nicht, warum es mir zur Zeit so schwer fällt. Vielleicht liegt es daran, dass wir zum größten Teil Alltag haben, der sich vor allem um die Arbeit in den Schulen dreht. Und die ganzen kleinen Erfahrungen, und Eindrücke, die man immer wieder zwischendurch macht, sind so schwer zu fassen.
Aber ich versuchs mal.
Sansibar
Es ist Sonntag und seit heute früh sind wir, nach einem einwöchigen Abstecher nach Sansibar, zurück in Dar. Ich habe mich wieder einmal sehnsüchtig von der Insel verabschiedet. Irgendwie zieht mich diese arabische Märchenwelt in ihren Bann. Ist doch krass, dass eine andere Kultur einem so fremd vorkommt, dass man das Gefühl hat, man steckt in einer Geschichte voller Geheimnisse, die es zu entdecken gilt. Dabei ist das, was ich als exotisch und abenteuerlich empfinde, für die Menschen dort Alltag und völlig normal. Ich will nicht wissen, was die denken, wenn irgendwelche Touris Gewürzberge fotografieren und mit ihren neugierigen Blicken in jeden Hauseingang stieren. Sicher fühlen sich viele Menschen davon auch gestört, doch der Tourismus ist schon extrem wichtig für die Insel. Eigentlich bin ich nicht so ein Tourismusfreund (aus wirtschaftlicher oder entwicklungstechnischer Sicht), doch ich sehe ja, wie abhängig die Menschen dort davon sind, wie es sie weiterbringt und wie schön auch ich es finde, einzutauchen in diese fremde Welt. Und abgesehen davon, dass es so einige fette Hotelanlagen dort gibt, über die wir so den Kopf schütteln (ich war schon auf den unglaublichsten Toiletten pinkeln…obwohl es doch nur ums Wasserlassen geht, werden manche Klos so ausgestatten, als müsste man von der Klobrille essen), sind viele Restaurants und auch Hostels in Stone Town wirklich mit Stil aufgebaut und fügen sich perfekt in das arabische Flair ein.
Zum Glück können wir mittlerweile doch schon immer mehr Swahili, wodurch es uns gelingt, uns nicht ganz so touristisch zu fühlen. Und es ist auch viel einfacher, an die Menschen ranzukommen. Man begegnet ihnen gleich auf einer ganz anderen Ebene und beide Seiten können sich mit anderen Augen sehen. Das hoffe ich zumindest!
Für eine Nacht haben wir eine Freundin besucht, die sich in einem Dorf im Süden gerade ein kleines Haus baut (Die war mal für ein Jahr als Volunteer auf der Insel und hat sich so darin verliebt, dass sie sich jetzt eine Existenz dort aufbaut. Dabei steckt sie auch noch mitten im Studium.). Eigentlich wollten wir auch länger dort bleiben, doch als dann wieder die Magenprobleme losgingen und mich meine Blase fast umgebracht hat, keine Ahnung, was ich mir da eingefangen habe, wollten wir doch wieder in die Nähe einer Apotheke und vor allem zu einem ‘Sitzklo’ (und nicht nur Loch) mit Spülung und Klopapier, was bei Durchfall und Magenkrämpfen schon angenehmer ist.
Also sind wir nach einer Nacht doch wieder nach Stone Town gefahren. Was aber kein Übel ist. Immer wieder gibt es Sachen zu erfahren und kennenzulernen. Nur die Hitze machte uns immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Da muss man schon ganz afrikanisch gelassen werden und sich nicht darüber aufregen, dass man nach drei Stunden rumlaufen so fertig ist, als wäre man einen Marathon gelaufen. Und zur Mittagshitze bis in den frühen Nachmittag rein, schließen auch die meisten Läden, die Menschen verschwinden in die Kühle ihrer Häuser oder man sieht sie auf Matten vor den Türen liegen und schlafen. Für ein paar Stunden scheint alles zu einer trägen Masse zu verschmelzen, die erst in den frühen Abendstunden wieder zum Leben erwacht. Also war dann auch bei uns Siesta angesagt.
Der Abschied gestern Abend vor der Fähre hat mich irgendwie melancholisch gestimmt. Wir saßen noch eine Weile auf der Dachterasse unseres Hostels, haben in den endlosen Sternenhimmel Ostafrikas geschaut und auf all die fremden Geräusche gelauscht. Immer wieder merke ich, wie die arabisch/muslimischen Gegenden eine ganz eigene Ruhe ausstrahlen. Eine angenehme Distanziertheit geht von den Menschen aus und alles scheint in einem ewig wiederkehrenden Rhythmus zu funktionieren: die Mahlzeiten, die Arbeit, die täglichen Gebete (fünf mal täglich!). Vielleicht ist das auch völlig falsch, da ich einfach nicht genug Ahnung habe. Also bitte nicht meckern
bin ja noch klein!
Ich hab erfahren, dass die Schulbildung auf Sansibar eine der schlechtesten in Afrika sein soll. Da das muslimische Leben und vor allem die muslimische Ausbildung als viel wichtiger eingestuft wird und oftmals vor die ‘weltliche’ Schulbildung geht. Vor allem für die Frauen bzw. Mädchen ist es glaub ich noch viel schwieriger, da ihre Rolle schon viel früher eingeschränkt ist.
Richtig interessant ist aber auch die Geschichte Sansibars die sich ja auch auf die gesamte Geschichte Ostafrikas ausbreitet. Von den ersten Händlern aus Indien und Arabien, den Seefahrern, dem Beginn des Handels, die Entstehung des Swahilivolkes an der Afrikanischen Küste bis hin zu den englischen und deutschen Einflüssen die sich in den DDR-Plattenbauten in Stone-Towns-Neustadt widerspiegeln. Wie viele Einflüsse sich bis heute in Sansibar niedergelassen haben wurde uns auch bewusst, als wir auf der Dachterasse unseres Hostels saßen und sich ein Musikwirrwarr von arabischen Moscheeklängen, Reggae und HipHop über die Stadt zog. Von überall her schallt eine andere Musik des Lebens. Das gibt doch irgendwo ein hoffnungsvolles Gefühl für die Zukunft
Als ich dann auf der Fähre stand und noch voll lange auf die Lichter Stone-Towns blicken konnte, war wieder einmal klar, ich komme wieder!
Bekanntschaften
Mir fällt auch immer wieder auf, wie unglaublich viele interessante Menschen wir hier schon kennengelernt haben. Natürlich viele Tansanier, aber auch andere Freiwillige, Leute die schon länger hier leben und arbeiten, etc. Mit den meisten bleibt es eher auf einer ‘Bla-Ebene’ doch zwischendurch gibt es immer wieder Menschen, mit denen man sofort auf einer Welle schwimmt. Durch die ich irgendetwas lernen kann, die mir Inspirationen, Mut und Freude geben.
Immer wieder merke ich, wie glücklich ich darüber bin, die Chance zu haben, so viele verschiedene Menschen kennen zu lernen. Ich bin so dankbar für all diese Begegnungen. Das bedeutet so viel Inspiration für das eigenen Leben. Vielleicht sehe ich denjenigen nie wieder, doch er hat mir etwas ganz Bestimmtes gegeben,. Und mit der Zeit sammeln sich da so unglaublich viele Eindrücke, Meinungen, Ideen, etc., dass es mir vorkommt, als wäre die Welt ein einziges Paradies der Möglichkeiten, dieses Leben zu leben. In dieser Euphorie gibt es oft keine Probleme und Einschränkungen, welchen jeder Mensch (jeder auf seine Weise) unterlegen ist. Doch auch, wenn es sicher eine naive und leichtsinnige Sicht auf die Dinge ist, so gibt sie doch Kraft und gibt mir manchmal das Gefühl unendlich frei zu sein. Und das ist schon ein großes Glück, welches längst nicht allen Menschen auf der Welt vergönnt ist!
Doch ein bisschen wurde meine Energie wieder zusammengestaucht, als wir in Daressallam ankamen. Wieder einmal habe ich gemerkt, dass diese Stadt nicht mein Ort ist. Es ist einfach keine schöne Stadt und auch kein schöner Ort zum leben! Alles was man hier macht ist anstrengend, immer ist es laut und dreckig…wie oft habe ich das schon erzählt! Die Menschen kommen nicht hier her, weil es so schön ist hier zu leben, sonder es geht eben nur um das eine: Geld.
Doch auf Dauer stresst mich der Aufenthalt hier einfach. Da sehne ich mich nach einem schönen Flecken Natur, wie wir sie hier viel zu wenig haben. Es kostet mich immer wieder Kraft mich auf die Stadt einzulassen und nicht alle zwei Minuten wegen irgendeinem kleinen Scheiß agro zu werden. Das ist eine Erfahrung, die ich nicht erwartet hatte zu machen, die jetzt unangenehm ist, doch die einfach auch dazu gehört.
Zum Glück geben einem die Menschen hier unglaublich viel. Manchmal komme ich hier zu Hause an, bleibe hier und da stehen, grüße alle möglichen Menschen und ein bisschen nettes Bla Bla dazu und es macht einfach nur glücklich.
Mwanza
Bevor wir nach Sansibar aufgebrochen sind, kam uns noch der Dr. Andrew aus ‘Mwanza’ besuchen. Uns ist es tatsächlich geglückt einen Freiwilligen klarzumachen, der in diesem Jahr mit unserem Verein über Weltwärts nach ‘Mwanza’ geht und dort für ein Jahr als Freiwilliger arbeitet. Es ist eigentlich so unglaublich, wie einfach und schnell das geklappt hat. Und es macht uns unglaublich glücklich, dort helfen zu können. Mit dem Dr., der das Straßenkinderprojekt ins Leben gerufen hat, stehen wir in gutem Kontakt und hatten hier in Dar und auch noch in Sansibar genug Zeit mit ihm gehabt über die Situation und die Zukunft des Waisenhauses zu sprechen. Einerseits ist dem Projekt durch die Weltwärtsgelder, die der Freiwillige mitbringen wird, schon echt geholfen. Und das ist echt das wichtigste. Doch die Arbeit an dem Projekt gibt auch uns Mut und Kraft. Denn über ein Jahr hinweg ist es immer wieder schwierig, Sachen zu finden, bei denen man das Gefühl hat, vielleicht doch etwas verändert zu können. Keiner von uns beiden ist mit einer Weltverbesserer-Einstellung losgefahren. Doch wir waren schon auch davon überzeugt, dass es irgendwo mal etwas bringen wird, dass wir hier sind. Doch es ist schon sehr schwierig diese kleinen Sachen zu finden und die Suche danach bringt immer wieder Frustration. Weil man irgendwann einfach feststellt, wie vielschichtig und komplex so ein Entwicklungsprozess ist. So bin ich auch ganz schnell auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Und dass, obwohl mir auch vorher schon bewusst war, dass dieses Jahr mehr meiner persönlichen Entwicklung dient als den Menschen hier. Doch die innere Motivation nach Veränderung und Verbesserung für das Leben der Menschen hier stößt vor allem bei mir gegen die ‘pole-pole-Einstellung’ Afrikas. Dazu kommt, dass ich immer im Nacken habe, dass ich deutsche Entwicklungsgelder ‘in der Tasche habe’ und mein Aufenthalt hier auch von diesen finanziert wird. Doch man muss irgendwann einen Kompromiss für sich finden, ansonsten geht einem die Kraft und Motivation verloren. Und für mich habe ich einfach festgestellt, dass jeder Weg und jedes Vorhaben (auch in der Entwicklungsarbeit) ja irgendwo einen Anfang hat. Und dieser Anfang bedeutet hier vor allem auch viel Zeit zu haben um zu erfahren, zu verstehen, und zu kritisieren. Und ‘Mwanza’ ist ja schon fast ein Schritt weiter und gibt uns ein bisschen das Gefühl, nicht ganz um sonst hier zu sein.
Ich habe auch endlich eine Lösung für meine Weltwärtsgelder gefunden. Eigentlich sind diese Gelder ja als Spenden gedacht. Für das jeweilige Projekt, indem man arbeitet. Doch ich habe schnell gemerkt, dass es den Kindern in meiner Schule doch ziemlich gut geht und die Schule kaum Geldprobleme hat. Vielmehr ist es so, dass unglaublich viele Materialien in irgendwelchen Ecken vergammeln und nicht benutzt wurden. Ich konnte mich einfach nicht mit dem Gedanken anfreunden, dort so viel Geld zu hinterlassen, nachdem ich sehe, wie viele Orte es hier gibt, an denen das Geld viel nötiger gebraucht wird. Wo es nicht um den Zwanzigsten Rechenschieber geht, den die Kinder eh nicht benutzen können, sondern um die Sicherstellung der täglichen Mahlzeiten. Jetzt habe ich klargemacht, dass ich meine Gelder nach ‘Mwanza’ schicken kann. Und damit kann ich mich sehr gut arrangieren!!!
Ja, was steht noch so an?
Resident!
Johann (einer unserer Vereinsleute) hat mir den Kontakt zu einer Freundin aus Deutschland gegeben, die jetzt mittlerweile in Tansania ist. Die arbeitet hier auch mit Freiwilligen und hat irgendwelchen ’super Kontakte’ (obwohl sie das alle sagen) zu jemandem von der Resident. Die wollen jetzt versuchen meine Dokumente mit den Unterlagen ihrer Freiwilligen zusammen zur Immigration zu bringen. Ich steh schon mit ihr in Kontakt und sie meint, dass das auf jeden Fall funktioniert. Und da sie ja Deutsche ist, glaub ich ihr das sogar…au weia, ist ja nicht so ganz korrekt…aber die Leute labern hier halt gerne mal irgendeinen Scheiß!
Dar
Na ja, hier in Dar ist auf jeden Fall alles fit! Nur scheiße heiß ist es…reicht langsam auch echt! Ich will Regen…doch wahrscheinlich stell ich mir das idyllischer vor, als es ist. Wenn diese Müllstadt erstmal unter Wasser steht, kommen wir hier wahrscheinlich garnicht mehr aus dem Haus.
Mittlerweile läuft es mit den Leuten hier auch richit gut. Ich weis noch, wie sehr ich am Anfang die guten Gespräche in Deutschland vermisst habe. Das ist längst nicht mehr so!
Interessant ist, das wir hier Leute aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten kennen. In Deutschland ist es ja meist so, dass man mit Leuten abhängt, die auch aus der selben Schicht kommen, wie man selber auch. Hier kennen wir Leute, die so gut wie gar kein Geld haben aber auch Leute, die in Häusern wohnen, wie ich sie selbst in Deutschland noch nie betreten habe. Vor einer Weile ist mir dann mal aufgefallen, wie krass das eigentlich ist, dass wir sozusagen in die verschiedensten Ecken der Gesellschaft Einblick haben. Wir kommen von außen und können das ganze System überblicken, ohne selber irgendwo dazuzugehören und können somit das Ganze auch von außen betrachten. Das hört sich jetzt ganz schön abgehoben an, doch irgendwie ist es ja so. Klar stehen wir mittlerweile auch längst nicht mehr so weit weg (außen), wie es am Anfang war. Durch einen festen Freundeskreis gruppiert man sich ja letztendlich doch irgendwo dazu. Doch da wir weiterhin Ausländer sind und bleiben haben wir auch immer wieder die Möglichkeit, Situationen und Begebenheiten zu überblicken und damit viele Sachen zu erkennen und zu reflektieren. Was in Deutschland ja auch nicht in der Art möglich ist, da man selber mittendrin und somit befangen ist. Deutlich wird uns auch immer wieder, wie die Menschen hier miteinander umgehen. Von der ausgeprägten Hierarchie hier hab ich ja schon erzählt. Und das es selbst unter Freunden deutlich wird, dass meist einer über dem anderen steht. Doch immer wieder bekommen wir mit, wie auch Leute, von denen wir das nie gedacht hätten, mit dem Kellner reden als wär er ein Sklave. Besonders wenn sie Geld haben zeigen sie das gerne und prahlen damit. Und sie denken, sie seien was besseres und können andere behandeln wie Dreck. Selbst wenn sie vorher arm waren und dann zu Geld gekommen sind. Da denken wir doch, sie müssten wissen, wie es ist sich nicht alles leisten zu können, doch irgendwie scheinen sie das dann zu vergessen. Anscheinend steckt dieses ‘Hierarchiebewusstsein’ einfach zu tief drin. (Natürlich darf man das auf keinen Fall verallgemeinern, doch irgendwie muss ich es ja ausdrücken.) Doch dann kennen wir auch Leute die eindeutig zur Oberschicht gehören, aber nie damit angegeben haben oder einiege schlechter behandelt haben als andere. Und selbst Leute, die bereits für längere Zeit in Europa waren und dort doch eigentlich mitbekommen haben müssen, dass das bei uns ganz anders läuft, fallen hier in diese Verhalltensmuster zurück. Entweder sie reflektieren das dann garnicht, was gut sein kann und nicht unbedingt zu kritisieren ist, da es immer schwierig ist, die eigene Gesellschaft zu durchblicken. Oder es steckt einfach in ihnen drin, was auch normal wäre, da sie ja damit aufgewachsen sind.
Gerade auf Sansibar ist uns wieder aufgefallen, wie unglaublich eingebildet und arrogant die die tansanische Oberschicht sein kann. Wir haben dort ne Freundin besucht (hatte ich bereits erwähnt) und sind mit ihr dann einen Abend in so ein Restaurant direkt am Strand gegangen. Auf jeden Fall ein ‘Mzungu’-Ort zu dem sich aber auch die reichen Afrikaner mischen. Wir haben uns dort so unwohl gefühlt. Man konnte mit den Leuten nicht ein vernünftiges Wort reden, da die ‘alle’ unglaublich abgehoben und gekünstelt wirkten. Die ganze Szenerie war ein einzieges ‘intellektuelles’ Theater.
Auch als wir den einen Abend bei dieser Freundin im Dorf waren und mit ein paar Freunden von ihr Feuer gemacht und ‘gegrillt’ (FRISCHER Fisch mit Gemüse überm Feuer…so einfach, doch es gibt nichts Vergleichbares) haben, gabs voll die heftige Situation. Einer der ‘Rastas’ (dem gehörte das Grundstück auf dem wir waren) den wir als voll korrekt empfunden hatten, meinte irgendwann zu einem Mann, der unserer Freundin beim Hausbau hilft, er müsse jetzt gehen, dass Essen sei nicht für ihn bestimmt. Keiner hats mitbekommen, wir haben es erst am nächsten Tag erfahren. Uns ist so die Kinnlade runtergefallen, es ist echt unglaublich.
Zu unseren Freundschaften muss ich leider noch hinzufügen, dass immernoch eine reine Männerwelt ist. Erst neulich ist mir aufgefallen, dass ich am Anfang immer noch Ambitionen hatte, Kontakte zu den Frauen hier aufzubauen und dass es mich total gestört hat, dass wir immer nur mit den Typen hier abhängen und an die Frauen überhaupt nicht rankommen. Doch das ist jetzt einfach zur Normalität geworden. Und wie an viele andere Sachen auch, haben wir uns daran gewöhnt. Und das finde ich total erschreckend. Mich hat die Rolle der Frau in diesem Land immer so angekotzt und erst recht die Männer, die sich ihnen gegenüber so abgefuckt verhalten. Doch irgendwann wird man nachlässig und akzeptiert selbst Sachen, die einen vorher total gestört haben.
Na ja, jetzt hab ichs gemerkt und mal sehen, was noch kommt… schlaue Sprüche am Rande!
Aber jetzt noch mal zum Thema, an was man sich alles gewöhnen kann. Ich erinner mich noch gut an den Schock, den ich am Anfang in den Clubs hier hatte. Das es im Prinziep um nur zwei Sachen geht: für die Frauen um Geld, für die Männer um Sex.
!Ich entschuldige mich nochmal für alle Verallgemeinerungen, ohne die es aber schrecklich kompliziert zu erklären wäre!
Das zeigt sich in der Tanzweise der Frauen, an den Prostituierten, die ihr Geschäft so frei anbieten wie die Bar das Bier, an den weißen Touristen, die sich mit VIEL jüngeren Tansaniern zeigen und immer klar ist um was es eigentlich geht, etc.
Nicht das mir das alles irdendwann egal war, doch man fängt an, irgendwan nicht mehr hinzuschauen. Und sei es aus Selbstschutz, weil es einfach nicht zu ertragen ist. Doch neulich wurde echt noch mal der der Vogel abgeschossen. Eine riesen Tanzfläche. Rundherum Leute dicht an dicht (!) sich langsam zur Musik im Kreis bewegend. In der Mitte mehrere Frauen die durch möglichst aufreizende Bewegungen (sarkastischer kann ich das garnicht ausdrücken) versuchen das 100.000Sh hohe Preisgeld zu bekommen (wie abgefuckt ist das eigentlich…). Von außen treten immer wieder Leute in den Kreis um ihren Favouriten Scheine zuzustecken. Zu guter Letzt gesellt sich ein Herr zu der Gewinnerin und dann…hätten sie nichts angehabt, sie hätten miteinander gefickt. Auf dem Boden in entsprechender Stellung! Und der ganze Club sieht zu.
Es ist lange her, dass ich hier geheult hab, doch nach der Aktion war ich erstmal wieder richtig fertig.
Albinos
Jetzt muss ich mal noch loswerden, dass es hier in Tansania seit ein paar Jahren ein ganz großes Problem mit Albinos gibt. Natürlich war es schon immer so, dass diese durch ihr auffälliges Erscheinen von der Gesellschaft ausgeschlossen waren, als verhext galten oder zumindest ein böses Zeichen waren. Doch fingen irgendwann so Sachen an, wie: das Fleisch von Albinos würde ein langes Leben bescheren, oder durch Sex mit einer Albinofrau könnte man sich von Aids heilen. Dementsprechend werden immer mehr Albinos umgebracht oder von Aids infizierten Männern angesteckt.
Es ist so gruselig, was durch Unwissenheit, also fehlende Bildung, für Verbrechen geschehen. Viele Menschen haben überhaupt keine Ahnung, was es mit Behinderungen, Albinismus und auch Aids auf sich hat (und das sind nur einiege Beispiele). Besonders in den ländlichen Gegenden, in denen die Bildung katastrophal ist und auch so gut wie kein Kontakt zur Außenwelt besteht, durch TV oder Radio z.B., geben Aberglaube und ‘Witchcraft’ an, was richtig und falsch ist. Und andere profitieren wieder davon, indem sie die Menschen davon überzeugen, sie abhängig machen und sie somit unter Kontrolle bringen.
Und an dieser Stelle denke ich auch, das Aufklärungsarbeit das Wichtigste ist. Entwicklungshelfer, die durch die Dörfer ziehen um mit den Menschen zu reden. Besonders was das Thema Aids angeht. Nur gut, dass wir die Unterstützung von den hohen Mächten dieser Welt haben, die durch Afrika reisen und den Menschen erzählen, Kondome würden das Problem Aids nur noch verstärken und dürften desshalb auf keinen Fall benutzt werden.
Vielen Dank dem Papst! Vor allem wird solchen Menschen hier immer noch einmal mehr geglaubt, da Kirche und Glaube hier noch viel stärker vertreten ist als z.B. in Deutschland.
Zu guter Letzt und als kleiner Hoffnungsschimmer auf die Kinder unserer Zukunft, gebe ich euch noch ein Zitat mit auf den Weg.
Es erinnert mich an eine unglaubliche Frau, die ich hier kennenlernen durfte.
Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Es sind die Söhne und Töchter von des Lebens Verlangen nach sich selber.
Sie kommen durch euch, doch nicht von euch.
Und sind sie auch bei euch,
so gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben,
doch nicht eure Gedanken,
denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Leib behausen, doch nicht ihre Seele.
Denn ihre Seele wohnt im Hause von Morgen,
das ihr nicht zu betreten vermöget, selbst nicht in euren Träumen.
- Khalil Gibran – Der Prophet -
Ich hoffe, euch geht es gut und ich danke euch fürs Lesen. Bis Bald, Liebe Grüße, eure Romy