Gerade hat sich eine Frau mit ihrem Essen (ich sitzt hier in so einer öffentlichen Kantine – ist ein guter Ort zum schreiben) neben mich gesetzt, mich freundlich angelächelt und ‘karibu’ gesagt. Das bedeutet so viel wie ‘Willkommen’ und wird hier meistens vor dem Essen gesagt um dem anderen zu zeigen, dass er sich gerne beteiligen darf. Auch wenn man, wie jetzt gerade, nichts mit den anderen am Tisch zu tun hat. Es ist eine eine reine Höflichkeitssache. Wörtlich nehmen darf man das aber, glaub ich, auch nicht. Man bedankt sich nur höflich. Habe auch noch nie jemanden gesehen, der dann tatsächlich beim Tischnachbar reingehauen hat.
…zurück nach Bagamoyo…
Den Aufbruch am nächsten Tag starteten wir viel zu spät. Ganz tansanisch kamen wir einfach nicht aus dem Tee. Wir wollten weiter nach Tanga, der nächstgrößten Stadt an der Küste. Doch das einziege was wir wussten, war der Weg zum Busbahnhof. Man glaube kaum, wie schwer es sein kann, herraus zu finden, ob und wann und wo eventuell ein Bus fahren könnte: die einen sagen ja, die anderen nein, und irgendeiner bietet einem ganz bestimmt eine Reise nach Arusha an…häääh, wir wolln nach Tanga, doch das interessiert keinen. Also fragen wir uns von Ort zu Ort weiter. Erst mit dem Dala, dann heißt es plötzlich irgendwo in der Shamba (Wildniss): ab hier gibt’s keinen Dala mehr, nur noch motorbikes…ach mal wieder…na dann rauf da bis zum nächsten Ort. Auf einer Schotterbiste, den Rucksack auf dem Rücken, hinten auf einem Motorrad mit 80kmh, der Fahrer spricht kein Wort Englisch, den Kopf voller Horrorgedanken…sie könnten uns einfach irgendwo in der Pampa absetzen und uns ausrauben, ein einzelner Stein genügt und das Ding gerät ins Schleudern, sind wir eigentlich total bescheuert…andererseits… rundherrum nichts als afrikanische Natur, es riecht nach Gras und Grün, am Horizont die Berge, ab und zu eine vereinzelte Hütte, nichts als ein paar Sachen auf dem Rücken. Nachdem sich mein Klammergriff ein bisschen entspannte und ich wieder normal atmen konnte war es einfach nur der absolute Wahnsinn! Der Muskelkater kam am nächsten Tag als schöne Erinnerung.
Ab dem nächsten Ort gab es sogar einen richtigen Reisebuss. Nachdem wir unser, immer-noch vom Glück berauschtes, Hirn wieder angeschaltet hatten und nicht auf die Einladung eines Lastfahrers zum trampen eingegangen waren. Die Busfreude hielt aber auch nur eine halbe Stunde lang. Motorschaden. Zum Glück noch nicht bezahlt. Auf halber Strecke rein in den nächsten Bus. Und dann tatsächlich erst mal ein paar Stunden Ruhe. Wenn man nicht gerade einen sehr gesprächigen Sitznachbar hat, was hier nicht gerade selten ist: die üblichen Fragen: wo kommst du her, was machst du hier, wie gefällt die Tansania…
Die letzten zwei Stunden dann noch mal im Dala. Solangsam wurde es wieder dunkel.
Eine Gefühlsmische aus Erschöpfung, Glück, und Ungewissheit…herlich die afrikanische Landschaft im Dämmerlicht…hoffentlich finden wir im Dunkeln noch eine gute Unterkunft in Tanga. Doch da hatte Hanna die rettende Idee. Ihr Gastbruder hatte ein paar Freunde in Tanga und die waren hilfsbereit zur Stelle. Hier mal wieder die tansanische Hilfsbereit-schaft auch völlig fremden Leuten gegenüber. Gemeinsam fanden wir ein Hostel unserer Preisklasse, sogar mit Frühstück und eigenem Bad (Luxus!) und hatten außerdem noch unsere ganz private Stadtführung am nächsten Tag.
Da viele Küstenstädte hier sehr muslimische geprägt sind wurden wir am nächsten Morgen vom Muezzin geweckt. Fasteten den ganzen Tag, da sich schwerlich etwas zu essen auftreiben lies und fanden am Abend zur Stoßzeit (!) das richtige Viertel in dem an jeder Straßenecke eine andere ‘Mama’ ihr Essen verkaufte. Plötzlich, zum Ramadan, gab es sogar mal etwas anderes außer Reis und Ugali. Süße Nudeln mit süßen Bohnen landeten auf meinem Teller. Nur zu empfehlen! Leider konnten wir die vollen Bäuche nicht wie geplant des Nachts wieder leertanzen. Ramadan. Alles zu! (Sogar in Dar sind viele Clubs zu dieser Zeit geschlossen, owbwohl der Rammadan dort kaum spürbar war).
Witzig ist, dass ich, wenn ich irgendwo hin fahre, in eine Stadt zum Beispiel, vorher immer das Bild einer deutschen Kleinstadt im Kopf habe. Man stellt sich ja manchmal so vor, wie der Ort aussehen wird, in den man kommt. Und obwohl ich die ganze tansanische Realität um mich herrum habe, ist dieses deutsche Bild offensichtlich so tief drin. Da wird dann deutlich, wie lange ich in Deutschland gelebt habe und wie kurz, im Kontrast dazu, ich erst hier bin.
Auf jeden Fall habe ich in Tanga auch mal wieder gemerkt, das ich mich in den arabisch geprägten Gebieten sehr wohl fühle. Das Gefühl hatte ich auf Zanzibar auch schon. Die zwei Tage in Tanga wurden wir viel weniger angelabert, belästigt oder blöde angeglotzt, obwohl hier mit Sicherheit viel weniger ‘Wazungu’ rumlaufen als in Dar. Ob das jetzt am Islam oder an der Salzluft liegt…da fehlt mir noch die Erfahrung. Auch hätte ich vorher immer gedacht, dass ich mich in den muslimischen Gebieten total unfrei und beklemmt fühlen würde. Doch überhaupt nicht. Zwischen allem herrscht so eine gewisse Distanz. Wie ein ‘Höflichkeits-Respekt-Abstand’. Das kann natürlich auch nur nach außen gekehrt sein und im Untergrund sieht es ganz anders aus. Doch erst mal fühlt es sich ganz angenehm an. Ebenso mit den Frauen, die von oben bis unten in schwarze Tücher gehüllt sind (Hidschab). Von denen sieht man in Dar kaum welche, doch hier sehr oft. Ihnen zu begegnen flösst mir kein beklemmtes, unangenehmes Gefühl ein. Vielmehr verströmen sie eine Aura von Respekt und Leidenschaft. So schwierig dieses Thema auch ist und so viele Frauen sich mit dieser Verhüllung sicherlich auch unterdrückt fühlen, es gibt auch die andere Seite. Eine Freundin von Zanzibar hat mir erzählt, dass dort nur die stolzesten und selbstbewusstesetn Frauen ihr Gesicht verschleiern. Mir scheint es, dass das auch ganz viel mit Achtung vor einander und vor sich selber zu tun.
Im Prinziep ist das auch mein erster nennenswerter Kontakt mit dem Islam. Also, all ihr weltgebildeten Leser, habt Nachsicht mit mir, sollte ich politisch unkoreckt werden. ‘Mtoto mdogo anajifunza tu’ (das Kind lernt noch).