Auf jeden Fall hat mir schon dieser erste Tag „auf Reisen“ gezeigt wie unfrei sich man hier auch fühlen kann. Obwohl ich, auch bevor ich herkam, wusste, dass das Reisen als Frau allein schwierig sein kann, dachte ich mir doch, dass das schon irgendwie gehen wird. Doch jetzt weis ich, wie froh ich war, dass ich mit Reecca und Hanna zusammen war. Ich merke immer wieder, dass ich viele Situationen und auch viele Menschen noch nicht richtig ein schätzen kann. Entweder werde ich aggressiv, wenn manche Leute einfach nicht locker lassen wollen, obwohl man ihnen sagt, dass man einfach nur seine Ruhe haben möchte. Oder ich bin total sorglos und bekomme dann von tansanischen Freunden gesagt, dass ich mich mehr vorsehen sollte wenn ich um die Zeit noch raus gehen, oder das und jenes zu mache. Doch diese Einschränkungen nerven manchmal so sehr. Aus Deutschland bin ich einfach auch gewohnt, alles zu jeder Zeit machen zu können. Wie ich will. Und auch ohne Probleme alleine irgendwo hinfahren. Das war immer ein total eigenständiges Gefühl. Ich konnte mich immer auf mich selber verlassen und hab das allein unterwegs sein auch genossen. Doch diese Eigenständigkeit wird einem hier teilweise genommen. Und wenn es einfach nur darum geht, sich mit anderen Mädels in der Stadt zu Essen zu verabreden. Wann müssen wir zurück? Können wir zu der Zeit noch allein Dala fahren? Können wir dann um 11 noch über diese Brücke gehen? Teilen wir uns nicht doch lieber ein Taxi? Bla, bla, bla…ich denk mir auch immer wieder, dass ich mich nicht einschränken lassen will. Man kann sich nämlich auch echt Angst machen lassen. Das merke ich bei vielen anderen Freiwilligen. Und dass haben auch die Jungs vom Verein gesagt. Obwohl man nicht so viele Geschichten von Überfällen oder ähnlichem hört, warte ich eigentlich nur darauf, dass ich irgendwan noch auf die Fresse falle, oder eben auch nicht!
Neulich wurde die Mutter von einem Freund abends um 10 auf der Straße überfallen, bedroht und beraubt. Die Frau wurde echt übel zugerichtet und hat einen Schock für’s Leben weg. Es war weder spät abends, noch war sie jung, noch weiß…das hätte genauso gut uns passieren können…wie oft sind wir um die Zeit noch draußen unterwegs…zwei 20jährige Mzungu. Doch viel heftiger ist, was mit den Dieben passiert ist. Durch ihr Geschrei hat die Frau nämlich auf sich aufmerksam gemacht und andere Leute allamiert, die dann die Typen verfolgt haben. Einer der Täter wurde noch am selben Abend von Zivilisten ermordet. Und das ist völlig normal hier. Das selbe kann mit Dieben passieren. Wenn einem aus dem offenen Fenster das Handy geklaut wird, rennt der Geschädigte mit Sicherheit hinterher, bis er den Typen drangekrieft hat. Neulich ist ein Typ hinterher, obwohl der Dieb das Handy nicht bekommen hat…einfach nur um ihm eine zu verpassen. Da sind die hier knallhart. Da, wo die Justiz der Regierung nicht hinreicht, übernimmt sie das Volk und stellt seine eigenenen Regeln auf. Es scheint, als ob all die Menschen, die so hart arbeiten und um ihre Existenz kämpfen, alle verabscheuen, die sich auf „unehrliche“ Weise durchs Leben bringen wollen (?) bzw. müssen. Das kann man so oder so sehen.