Oktober

Hier ist es gerade Mittag und ich warte darauf, dass Rebecca aus der Stadt kommt. Dann essen wir was. Ich koche in letzer Zeit voll oft. Immer dieser Schulfraß geht uns langsam auf den Sack. Reis oder Ugali mit Bohnen. Muss nicht jeden Tag sein. Und es gibt wirklich genug Gemüse woraus man was geiles zaubern kann. Am Wochenende gab es Nudeln mit Kohl und Knobi (fast so gut wie bei Mutti ;-) ).

Und wir haben mal Kuchen gebacken. Rührkuchen mit Kokos. Geil war, dass wir die Kokosstreußtel, die wir bei uns in der Tüte kaufen, selber gemacht haben. Kokosnüsse kann man an jeder Duka kaufen, das Wasser haben wir zum Kochen aufgehoben (kann man richtig geil in Soßen machen, wird dann so leicht sämig und gibt einen super geilen Geschmack!) und dann mit einem speziellen Schaber das feste Fleisch rausschaben. Dieses muss man dann in Wasser einweichen um dann den Saft raus zu pressen. Schließlich bleiben nur noch die trockenen Krümel übrig, die dann in den Kuchen kommen.

 

Letzte Woche hatten wir den ersten richtigen Regentag. Es hat den ganzen Tag wie aus Kübeln geschüttet. Es war fast unmöglich trocken zu bleiben. Besonders an den Füßen. Ich war schon bis zum Tor und bin sofort wieder umgekehrt und hab Sandalen angezogen. Alles andere war einfach totaler Quatsch. Erst wollte ich warten, bis es besser wird, doch da hätte ich wahrscheinlich lange warten können. Außerdem habe ich gesehen, dass die Tanzanier sich überhaupt nichts draus machen. Ist ja auch logisch. Im Frühjahr wird es jeden Tag so aussehen. Da kann man weder immer zu Hause bleiben, noch sich ständig aufregen. Aber ich hab es auch echt genossen, da es angenehm kühl war. Richtiges Herbstwetter ;-) Leider sieht das im Moment garnicht mehr so aus. Egal was man macht, das Wasser läuft. Doch das geyt schon! Krass waren nur die Überschwemmungen überall in der Stadt. Die ganzen unbefestigten Sandstraßen sind so gut wie nicht mehr zu gebrauchen gewesen. Alles stand unter Wasser. Am beschissensten geht es da den Menschen, die in den ganzen ‘Notunterkünften’ leben. Da dringt das Wasser einfach ein, ohne dass man was dagegen tun kann. Es gibt hier auch ein rieses Gebiet nahe der Innenstadt, das von weitem wie ein großer Stadtpark aussieht. „Schön grün“. An den Rändern sammeln sich sogenannte illegale Siedlungen, die sich immer mehr vermehren und angeblich auch immer mal wieder von der Stadt eingerissen werden. Doch die Menschen ‘bauen’ immer wieder, da sie sonst nicht wissen wohin. Blöd ist nur, dass diese Fläche ein einzieges Sumpfgebiet ist und dazu noch in einer Senke liegt. In der Regenzeit ist den Häusern glaub ich nicht mehr zu helfen. Keine Ahnung, was die Menschen dann machen…

Ekelig ist auch, dass die Wassermassen dann den ganzen Müll mitschwemmen. Und was im Grunde genommen wie eine harmlose Pfütze aussieht, ist dann ein giftiger, keimiger Sud voller Krankheiten. Der dann die Häuser flutet und in dem die Kinder spielen.

An solchen Tagen merkt man irgendwie, wie angreifbar diese Stadt doch noch immer ist. Wie proviesorisch vieles errichtet ist. Wie schnell Existenzen zerstört werden können.

 

Seit einieger Zeit fahr ich morgens mal wieder mit dem Bus zur Schule. Die Mama ist irgendwo anders busy. Und ich hasse es. Meistens muss ich stehen, weil es viel zu wenig Busse für die Richtung gibt und die Menschen sich wortwörtlich drum kloppen. Da ist das Drängeln am Schulbus in Lentzke ein Witz gegen ;-) kann schon gefährlich sein, sich in den Kampf um einen Sitzplatz zu stürzen. Und wenn dann nur mit Turnschuhen, da ich ansonsten im Nachhinnein keine Füße mehr habe…und ich hab immer nach Punkkonzerten im Haus rumgejammert, dass mir alle möglichen Leute ihre Körperteile in die Rippen rammen ;-) manche klettern auch einfach durchs Fenster! Das einzig Gute ist dann manchmal, zwischen zwei fetten Ärschen (sorry) eingeklemmt zu sein. Man braucht sich nicht mehr festhalten und ist gut gepoltstert, falls der Fahrer versäumt hat seinen Führerschein zu machen, was nicht gerade selten ist. Ebenso war es neulich. Da hat der Gute wohl den Straßengraben nicht gesehen, oder wollte einfach nur mal austesten, ob sich der Buss auch schlank machen kann. Jedenfalls ist das ganze Gerät ordentlich in die Schräglage geraten, die ganze Manschaft hat aufgeschrien…alles ging so schnell, dass ich garnichts gepeillt hab. Erst als der Bus es wieder, wie auch immer, in die Waagerechte geschafft hatte, wurde mir bewusst, was gerade passiert war und von dem Schock musste ich mich ziemlich lange erholen. But in the end good luck, würd ich sagen!!!

 

Es gibt so viele Sachen, die ich manchmal hier garnicht wahr nehme. Manchmal glaub ich, dass es auch irgendwie ein Selbstschutz ist. Dass man mache Sachen nicht sehen, oder bestimmte Situationen umgehen will. Z.B. habe ich in meiner Anfangszeit die Bettler in der Stadt garnicht so richtig wahrgenommen. Das ist irgendwie auch so’ne Sache, die ich vorher wusste, das es davon unglaublich viele gibt. Das heißt, es zu sehen, war erstmal nicht so schlimm.

Doch mit der Zeit kamen immer wieder Situationen, in denen ich damit direkt konfrontiert wurde. Ich hab z.B. mitgekriegt, dass auch ganz viele Leute von hier, auf der Straße den Leuten Geld geben. Doch ich selber hab mich immer unwohl dabei gefühlt. Wenn man an ner riesen Busstation mitten in der City ist, fällt man als Weißer eh schon auf. Und die Bettler kommen ja erst Recht zu den Weißen, weil sie wissen, dass die Geld haben. Wenn ich dann angesprochen werde, kriegen dass ja alle andere herum auch mit. Und dann mach ich mir irgendwie Gedanken darum, was für ein Bild in dieser Situation nach außen hin entsteht. Wenn ich nichts gebe, fühl ich mich geizig, desinteressiert, vielleicht sogar schuldig (im Nachhinnein widerlegen sich diese Gedanken meist von ganz allein, doch die Situation ist einfach total unangenehm). Wenn ich was gebe, entsteht doch ohne Frage das Bild von der reichen Weißen die es ohne Ende locker hat.

Vielleicht ist diese Überlegerei auch Quatsch. Doch je länger ich hier bin, desto mehr bekomme ich auch das Bild mit, das die Tansanier von Europäern (die schmeißen uns auch alle in einen Topf, genauso wie das viele bei uns mit den Afrikanern machen) haben. Und das ist manchmal so verkorkst und falsch (was finde ich auch echt gefährlich ist, da dieses Trugbild ja zu einer völlig falschen Wahrnehmung der Realität führt und somit ja auch dem eigenen Entwicklungsprozess vielleicht nicht gerade förderlich ist), dass ich in vielen Situationen einmal mehr darüber nachdenke, wie ich mich verhalte.

Neulich stand ich mit dem Bus im Stau. Ich saß am offenen Fenster. Auf der Straße sind total viele Kinder rumgelaufen und haben an den Autos gebettelt. Auch an meinem Bus. Es ist voll heftig, wenn sich auf einmal lauter kleine Kinderarme durchs Fenster strecken und nach Geld fragen. Die meisten Tansanier haben einfach weggeguckt oder mit dem Kopf geschüttelt und dann sind sie auch wieder weg. Ein Kind ist aber voll lange bei mir stehen geblieben und hat mit seiner kleinen dreckigen Hand vor mir rumgefuchtelt. Und dass Kopfschütteln hat nicht geholfen und ich wusste auch nicht mehr wo ich hingucken sollte und bin in meinem Sitz immer kleiner geworden und der ganze Bus hat es mitgekriegt. Und dann beugt sich auch noch einer, der dicht neben mir stand, vor und drückt dem Kind was in die Hand. Ich hab mich so unendlich klein und beschissen gefühlt.

 

Ok, Schluss mit den Horrorgeschichten. Es sind auch noch gute Sachen passiert.

Vor einer Weile waren wir bei einer Lehrerin (zwei Jahre älter als wir) von Rebeccas Schule eingeladen. Sie hatte einen Abend bei uns mitgegessen. An diesem Abend hatten wir ein kleines Abschiedsessen mit einer Freundin aus Deutschland. Zur Feier des Tages gab es Nudeln mit ‘Käse-Creme-Pilz-Knorr-Fertigsoße’. Ja, sowas bekommt man hier auch. Mal muss das sein. Es war auch einfach zu geil. Na jedenfalls war die Tansanierin davon so begeistert, dass wir das bei ihr zu Hause gleich noch mal wiederholen sollten.

Das heißt, wie haben dann eines schönen Abends unter sternenklarem Himmel Nudeln und ‘Käse-Creme-Pilz-Knorr-Fertigsoße’ (*g*) für eine 12 köpfige Familie gekocht. Über offenem Feuer. Die meisten kochen hier noch draußen auf Feuerschalen. Die Fertigtüten fanden sie besonders interessant; wir fanden das eher ein bisschen unangenehm. Aber es hat superviel Spass gemacht.

Bei unserem nächsten Treffen wurde der Spieß dann umgedreht und wir haben gelernt Pilau (würziger Reis mit fleisch, Festtagsessen) und Kochbananen zu kochen. Voll heftig war zu sehen, dass die ganze Familie auf einem Haufen lebt. Insgesamt bestimmt 20 Leute. Einiege auch nur entfernt verwandt, vom Land zum Onkel in die Stadt geschickt (Bsp!). Um einen ziemlich kleinen Innenhof reihen sich rundherrum die Häuser, die in kleine Zimmer und einen großen Aufenthaltsraum aufgeteilt sind. Gekocht wird auf dem Hof, gegessen meistens zusammen, Klo(-loch) und ‘Dusch’ecke wird ebenfalls auf dem Hof geteilt. Die einzelnden Räume hatten meist gar keine Türen sondern nur Vorhänge und dann haben sich immer mindestens 2-3 Leute einen Raum geteilt. Also von Privatsphäre keine Rede. Und ich freue mich, wenn ich die Tür mal hinter mir zu machen kann.

Dies war übrigens auch der Ort, andem Rebecca und ich einer Missionsstunde beiwohnten. Die sind da alle richtig krass gläubig, doch wir dachten, dass wir da einfach nur mit den beiden Missionaren und den anderen zusammen sitzen. So einen auf Religionsunterricht. Kann ja spannend sein. War es auch. Nur, dass das keine Christen waren, sondern ein ‘Ableger’ dieser. Ich weis nicht soviel über das Mormonentum, doch dass, was die uns erzählt haben war uns nicht so geheuer. Rebecca meinte dazu: sind wir jetzt in’ner Sekte gelandet oder wass? Nach diesem 1stündigen Treffen haben wir auch entschieden die Sache einfach ganz zu lassen, da es nichts brächte, ewig mit denen rumzudisskutieren. Wir waren einfach völlig verschiedener Meinung. Doch interessant war es trotzdem. Rebecca und ich hatten danach auf jeden Fall Disskusionsstoff. Obwohl der Gedanke, dass die hier von Haus zu Haus gehen schon ganz schön gruselig ist.

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