Donnerstag, 1. Januar 2009
Liebe Frostbeulen daheim,
schöne Grüße von der ‘Hitze-verpickelten’ Romy aus Dar.
Ja, da waren wir zwei Wochen im kühlen Norden des Landes und sahen wieder halbwegs normal aus, doch kaum sind wir zwei Tage ‘back in Bongoland’ (Bongo-Dar) blüht alles wieder. Aber in dieser heißen Jahreszeit bekommen selbst die Afrikaner Pusteln überall (Schadenfreude:-) ). Also lieber nicht drüber aufregen, bringt eh nichts.
Neuerdings bekommen wir auch von allen möglichen Leuten, die uns wieder begegnen, gesagt: ‘You became fat!’. Und sowas gesagt zu bekommen ist wirklich nicht so nett. Obwohl das hier schon etwas Positives ist, was uns natürlich nicht so richtig einleuchtet
…außerdem haben wir gar nicht das Gefühl, dicker geworden zu sein. Doch vermutlich liegt auch das an der Hitze. Sind wir halt ein bisschen aufgeschwemmt. Schön, schön, schön…doch am Essen liegt es sicherlich auch, denn obwohl es hier unglaublich viele Früchte gibt, kann man nicht gerade von gesunder Ernährung sprechen. Der Tee ist ZUCKERsüß, alle Mahlzeiten schwimmen in Fett und dann immer diese Riesenportionen. Ich habe gerade in einem Roman gelesen, dass die Kikuju (ein afrikanischer Stamm), bevor die Kolonialisten sie zu drei Mahlzeiten täglich ‘zivilisierten’, eine große Mahlzeit am Abend zu sich nahmen. Und den ganzen Tag über haben sie gar nichts gegessen. So kommt mir das hier auch manchmal vor.
Aber gut, Schluss mit den Weh-Wehchen.
Es ist der erste Tag des neuen Jahres. Gerade haben wir drüben mit den Mädels von der Gastfamilie (Baba und Mama sind bei ihren Kindern in Deutschland!) Pilau (ein Festtagsgericht: pikant gewürzter Reis mit Fleisch) gegessen und jetzt habe ich Zeit zu schreiben. Rebecca schläft. Die Nachwirkungen von gestern Abend. Obwohl ich noch nie weniger das Ende des Jahres gefühlt habe, auch kein Wunder bei der Hitze, hatten wir einen wunderschönen Abend. Vielleicht eines der eindrucksvollsten. Aber es war ja auch das erste in Afrika und schon deshalb etwas Besonderes. Ursprünglich hatte wir geplant, eine fette Party bei uns auf dem Hof zu machen, doch da hätte unser Budget nicht mitgemacht. Außerdem hatten wir Angst schließlich allein da zu stehen. Die Tansanier sind so schrecklich unzuverlässig. Selbst wenn sie sagen, sie kommen, sollte man das nicht zu ernst nehem! Und ganz tansanisch hatten wir bis um 10 noch keinen Plan, was wir machen. Tausend Leute angerufen, doch man bekommt hier einfach keine konkrete Aussage. Also gabs erstmal ganz gechillt Spaghetti mit viel Knobi und !!!Caipirinha!!! gemischt mit ein bisschen Angst, dass unser erstes tansanisches Silvester vielleicht doch in die Hose geht. Rückblickend kann ich nur das Gegenteil behaupten! Kurz vor Mitternacht landeten wir, mit ein paar doch noch eingetrudelten Freunden, in einem Club direkt am Wasser. Klarer Sternenhimmel, sommerheißes Wetter, eine riesen Tanzfläche, Feuern und Fackeln überall, überall am Strand kleine Tische mit Kerzen, eine riesen Bar, laute Musik, viele Menschen, höllischer Eintrittspreis…das sind die Kontraste in diesem Land. Vor einer Woche noch auf dem Feuer auf einem Hof am Kilimanjaro gekocht (dazu später) und dann ein Silvester unter tansanischer High-Society. Doch wir hatten genug angenehme Leute dabei und haben auch dort unglaublich viele bekannte Gesichter getroffen. Das ist wirklich das geilste, wenn man irgendwo hinkommt und Bekannte trifft…da hat man doch das Gefühl zu Hause zu sein!!! Es gab sogar ein Feuerwerk am anderen Ende der Bucht, welches wir über dem Wasser sehen konnten. Die Stimmung war einfach irgendwie magisch. Irgendwan musste ich kurz innehalten und realisieren, wie geil das eigentlich war. Das ist so oft so: die Zeit und die Erlebnisse fliegen und wenn ich nicht ab und zu mal anhalte und den Moment erfasse, realisiere ich manche Sachen gar nicht wirklich. Da stand ich also in den ersten Minuten des neuen Jahres mit nackten Füßen und einem Sommerkleid im Sand an der afrikanischen Küste. Wie viel Glück kann ich bitte haben!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Bei dieser Gelegenheit wünschen ich allen noch mal ein FROHES NEUES JAHR – HERI YA MWAKA MPYA!
Und nun zu ein paar Reiseerzählungen. Zu erst verschlug es uns mit dem Bus nach ‘Mwanza’…an die Ufer des ‘Victoria Sees’. 16h Busfahrt, davon ungefähr die Hälfte auf befestigter Straße, den Rest mit einem Affenzahn durch die Pampa, auf Schlagloch übersähten Sandstraßen. Irgendwann war es echt nicht mehr lustig. Zumal wir den Abend zuvor noch eine Freundin verabschiedet haben, die nach Deutschland zurück ging…was bedeutet direkt von der Tanzfläche in den Bus. Doch dafür wurden wir, sobald es unsere physische Wahrnehmung wieder zulies, mit atemberaubenen Landschaftsbildern belohnt. Soweit das Auge reicht, platte afrikanische Steppe, kaum Vegetation, doch in der Wildnis verstreut riesiege kahle Felsbrocken (wie von Geisterhand fallen gelassen). So blöd es klingt, wir hatte den Eindruck jede Sekunde den König der Löwen auf einem dieser Felsen thronen zu sehen. Obwohl ich vorher Bilder von afrikanischen Landschaften gesehen hatte, war das doch etwas völlig Neues…ich hätte es mir nie so vorgestellt.
Abends um 10 in ‘Mwanza’ wurden wir von unserem Gastgeber am Bus abgeholt. Auf unserer ersten Reise nach ‘Bagamoyo’ hatten wir Dr. Andrew (er arbeitet als Herzchirouge in einem Krankenhaus in Mwanza) kennen gelernt und er hatte uns von seinem Projekt für Straßenkinder, erzählt. Wir waren damals schon total interessiert und darauf hin hat er uns eingeladen (im wahrsten Sinne des Wortes, denn er hat 1½ Wochen lang unsere Unterkunft bezahlt). Er brachte uns schließlich zu unserem Hostel und hat uns in der nächsten Bar noch ein Abendbrot klar gemacht. Da saßen wir also, total im Arsch (sorry!), in unsere warmen Sachen gehüllt (da oben ist es abends ziemlich kalt), und wurden mit Chipsi mayei (Kartoffelecken in Rührei), gebratenem Ziegenfleisch und Bier verköstigt. Und wieder einmal war das einer dieser kleinen Momente in denen wir feststellten, was für ein Glück wir eigentlich hatten, in diesem Land sein zu dürfen. Wir sahen an diesem Abend nicht mehr sehr viel von der Stadt, doch als wir am nächsten Morgen aus unserem Hostel traten, verschlug es uns fast den Atem. An der einen Seite grenzt die Stadt an den ‘Victoria See’, auf der anderen Seite ist sie von hohen Bergen umgeben, an deren Rängen sich die Häuser entlang schlängeln (im Dunkeln sieht es so aus, als würden sich lauter kleine Lichter zum Himmel erheben). Einfach atemberaubend. Dazu eine sehr frische Briese und Nieselregen. Alles zusammen erinnerte mich zunehmend an Schottland, wodurch ich den Ort nur noch schöner fand!
In dem Projekt/dem Haus leben derzeit ca. 20 Kinder, die Dr. Andrew persönlich von der Straße geholt hat. Wir wurden super freundlich aufgenommen, konnten uns alles angucken und bekamen somit ein Bild von der Lage. Einerseits ist es ein riesen Glück für die Kids von der Straße weg zu sein. Andererseits war das, was wir zu sehen bekamen doch ziemlich schockierend für uns. Das Haus ist ziemlich groß, es gibt eine Küche und für jeden ein Bett, doch ansonsten gibt es absolut nichts. Die meisten der Kinder haben die Kleider, die sie auf dem Leib tragen, es gibt nur zwei Mahlzeiten am Tag (was eigentlich im Verhälltnis schon viel ist uns aber dennoch schrecklich vorkam, da sie morgens bis um zwei nichts in den Magen bekamen, nicht mal Tee gab es)…Ugali (Maisbrei) und ein bisschen Spinat uns so kleine vertrocknete Fische dazu…zweimal täglich, 7 Tage die Woche nur Ugali und Wasser…das würd ich im Traum nicht aushalten.
Doch die meisten von ihnen können jetzt zur Schule gehen, was sie alle mit großer Begeisterung machen. Auch sonst ist es unglaublich zu sehen, wie reif und fit die Kids für ihr Alter sind. Man müsste meinen, aufgrung all der Scheiße, die sie erlebt haben, hat man einen Haufen kaputter Kinder vor sich. Doch den meisten sieht man ihr erlebtes Leid nicht an: sie sind fröhlich, spielen gern, total offen und unglaublich kontaktfreudig. Meistens haben wir die Vormittage im Center verbracht, Englisch unterrichtet, ein bisschen Deutsch und alle alten Spiele aus unserer Kindheit und dem Sportunterricht wieder rausgeholt. Und ich kann nur sagen: es gibt kaum etwas schöneres, als Kinder lachen zu sehen.
Wir haben uns auch viel mit diesem Dr. Andrew getroffen und mit ihm über Gott und die Welt und vor allem über das Projekt gesprochen. Dadurch haben wir auch gemerkt, in welch schwieriger finanzieller Lage das Projekt steckt (im Moment bezahlt der Dokter noch alles aus eigener Tasche). Wir haben hin und her überlegt, mussten uns am Ende aber eingestehen, dass im wir ihn im Moment nicht unterstützen können. Doch dann kamen wir auf die Idee einen Kontakt zu unserer Organisation zu knüpfen…und daran arbeitet wir noch. Doch es sieht mehr als positiv aus und wenn alles gut geht, wird ‘Kawaida’ schon im Juli diesen Jahres zwei Freiwillige und WELTWÄRTSGELDER nach ‘Mwanza’ schicken. Jiiiiiiiiipeeeeeeeeeeeeeeeeh!!!
Trotzdem wir uns über diesen Erfolg mächtig gefreut haben, gab es immer wieder Situationen, die uns das Herz schwer gemacht haben. Somit war die Zeit dort ein einzieges Wechselbad der Gefühle. Am Ende ( wir sind noch bis Weihnachten geblieben, haben Heiligabend mit den Kids verbracht und sind dann am 1. Feiertag wieder in den Bus geklettert) war ich schon ziemlich traurig, da ich die Kinder in der kurzen Zeit so lieb gewonnen hatte, doch andererseits war ich auch froh erstmal wieder ein bisschen Abstand zu bekommen. Es ist nicht einfach, sich in einer solchen Arbeit eine gewisse Distanz zu bewahren. Doch wenn man es nicht tut und die Sachen zu nah an sich herranlässt, kann man irgendwan gar nichts mehr machen und sitzt nur noch heulend in der Ecke. Ich weis noch nicht genau, ob ich das in der Zukunft hinkriegen werde, um einen sozialen Beruf ausüben zu können…wird sich zeigen!
Den ersten Weihnachtsfeiertag verbrachten wir dann also im Bus auf dem Weg nach Moshi, dem Heimatsort unserer Gastfamilie. Dummerweise waren wir beide total angeschlagen…ich typischer Weise mit Nasennebenhöhlenentzündung (was für ein schönes Wort *g* ). Dazu kam, dass der Bus eine einziege Schrottkarre war. Und dann fing es auch noch an, in Strömen zu regnen. Und man sollte blos nicht erwarten, dass so ein Bus dicht ist…ach was…jedenfalls saßen wir dann die erste Strecke völlig durchnässt und durchgefroren im Bus…überall regnete es rein. Als das Wetter dann besser wurde hieß es Pause zum Essen und Pinkeln, doch wie sich herausstellte, hatte der Bus eine Panne. Wir saßen sage und schreibe 5h auf diesem Parkplatz/Tankstelle (an der sie rund um die Uhr ein und das selbe ‘Bob Marley’-Album spielten) fest. Keine Ahnung, wie wir uns die Zeit vertrieben haben, doch im Rückblick, war die Aktion schon ziemlich lustig. Doch nach etlichen Bonbons, nichts schmeckenden Keksen, Kachatta, einer halben Ananas, Erdnüssen, einer Tüte Reis, reichlich Tee und einer Soda später sprang der Bus an und wir konnten die Reise vortsetzen. Ein Glück, dass der Mensch shoppen kann! Zuerst führte uns die ‘Roughroade’ (!!!) durch die unendlichen Weiten Tansanias…die Natur verschlug uns den Atem. Das war das Afrikabild, welches uns von so vielen Bildern , aus so vielen Filmen im Kopf war. Der Horizont führt den Blick ins Unendliche, Steppe gespickt mit Bäumen mit flachen Kronen, Felsen, Büschen, Kakteen…Leider wurde es ja auch irgendwann dunkel und obwohl wir beschlossen hatte in Arusha zu übernachten, hatten wir noch Stunden Fahrt von uns. Und meine Nase war so scheiße verstopft und es war arschkalt, den Fahrer hatte Mordlust gepackt…er raste mit uns durch die Dunkelheit, der Bus war ein einzieges Wrack…es hätte jede Sekunde ein Unfall passieren können. Zwischendurch hatte ich echt Schiss in diesem elenden Busch zu verenden. Man hört so oft, von Unfällen, weil diese Reisebusse so schnell wie möglich am Ziel sein wollen und deshalb unmöglich fahren. Um 12 Uhr nachts hatte es uns dann doch noch auf einen riesiegen, menschenleeren Busbahnhof in eine fremde afrikanische Stadt verschlagen. Das war echt nicht lustig und dem entsprechend war uns auch zu Mute. Doch wir hatten keine andere Wahl. Wir brauchten irgendein Taxi und mussten dem vertrauen, uns ein Hostel zu suchen.
Natürlich heftete sich sofort ein sturzbesoffener Typ an uns und klärte uns überschwenglich über das afrikanische Nachtleben auf: Diebe, gefährlich, erschossen werden…doch bloß keine Panik…zum Glück kam ein Taxi…also los ins Ungewisse. Doch zum Glück war der Typ total korrekt. Oh Gott war ich angespannt, bis ich endlich die Tür unseres 10.000Sh-Zimmers zuschloss und mich in das warme Bett kuschelte.
Am nächsten Morgen verließen wir ziemlich schnell das Hostel, welches bei Licht betrachtet längst nicht mehr so einladend wirkte wie am Abend zuvor. Dafür fanden wir eine wunderbare, muslimische Chai-Bude (natürlich mit Männern vollgestopft) und bei Chapati und Tee mit Milch waren alle Ängste wieder vergessen. Wieder einmal einer dieser kleinen, wunderschönen Momente geschaffen von ein bisschen Tee und trockenen Füßen. Vielen Dank Afrika.
Mit dem Bus ging es dann immer dem Kilimanjaro entgegen (auch diesmal inklusive Panne), den ich leider nicht einmal vollständig gesehen habe, da die Spitze immer von Wolken verhangen war.
Unsere Gastfamilie hat noch ein Haus in einem Dorf am Kilimanjaro. Dort lebt eine Frau, die früher in Dar als Hausmädchen bei den ‘Mremas’ gearbeitet hat. Jetzt hat sie ein drei Monate altes Baby. Soooooooo süß. Das Haus ist eigentlich genauso ‘gut’, wie das, in dem wir normalerweise leben. Doch rundherum stehen die traditionellen Hütten aus Holz und Lehm. Gekocht wird auf dem Hof auf offenem Feuer und das Wasser kommt direkt vom großen Berg. Rundherum erstreckt sich ein
…ich versuche eigentlich, mich hier beim Schreiben zu konzentrieren, doch Rebecca lernt gerade irgendein Swahili-Zeug und Jonas hilft ihr dabei und irgendwie verstehen sie sich nicht richtig und fragen mich ständig was…
Netz von Sandwegen durch den dschungelähnlichen Wald. Bananenstauden, Maisfelder oder einfach nur unberührter afrikanischer Wald. Die Häuser inmitten all dem Wuchs sind kaum zu finden, richtig versteckt. Die Region Kilimanjaro ist die Heimat des Stammes ‘Chagga’ (wozu auch unsere Familie gehört!), welcher sich die fruchtbaren Vulkanböden des Kilimanjaro zu Nutzen machte und dort eine ausgeprägte Agrarwirtschaft entwickelte. Sie gelten als hervorragende ‘Businessmen’ und Handelsleute.
Die Tage dort haben mir seit langem mal wieder geflüstert, wie sich Dorfleben eigentlich anfühlt. Die Ruhe und die Einsamkeit, habe ich einerseits genossen (es tat so gut, mal aus dieser lauten, stinkigen, mülligen Großstadt Dar rauszukommen), andererseits bedeutet afrikanisches Dorf sicher noch mal etwas anderes als Lentzke. Man ist viel abgeschiedener von den nächsten Städten, der Lebensstandart ist viel geringer. Ich kann mir vorstellen, dass man auch lernen muss dort zu leben. Auf der anderen Seite hatte ich das Gefühl, dass die Menschen dort, auf Grund ihrer Stammeszuge- hörigkeit, eine große Gemeinschaft leben (über mehrere Dörfer hinweg). Und das scheint mir auch was wert zu sein. Hab ich mal erwähnt, dass die Menschen hier fast alle zweisprachig aufwachsen? Sie lernen in der Kindheit die Sprache ihres Stammes und Swahili. Am Kili werden die Gottes-dienste je einmal in Swahili und einmal in Kichagga abgehalten.
Auf jeden Fall hatte wir in dort auch viel Zeit zum Nachdenken. Und es ist immer gut jemanden zu haben, mit dem man sich dann austauschen kann. Sehr oft ist es auch schwierig, so viel Zeit mit immer der selben Person zu verbringen. Noch nie in meinem Leben zuvor habe ich 5 Monate lang so gut wie jeden Tag mit ein und der selben Person verbracht. Besonders, wenn wir unterwegs sind, und sich unsere Meinungen bezüglich der Pläne scheiden, wird klar, wie unterschiedlich wir doch sind. In Deutschland, und selbst in Dar mittlerweile, könnte ich dann einfach ein bisschen alleine los ziehen. Doch hier merke ich immer wieder, dass das oft nicht möglich ist. Zu zweit ist es viel einfacher, komische Situationen einzuschätzen, mal zu kontern, wenn man blöd angemacht wird. Allein fühle ich mich manchmal sehr unsicher und habe das Gefühl, noch mehr von allen Seiten angelabert zu werden als sonst und kann das allein auch längst nicht so gut wegstecken. Auch wenn Einheimische dann auf mich zukommen und sagen ‘hier sollte ich jetzt lieber nicht allein langgehen’. Das alles schafft Unsicherheit und gibt mir auf direktem Wege zu verstehen, wie unfrei ich allein als weiße Frau doch bin. Ich habe immer versucht mich da nicht reinzusteigern. Von vielen, die ich kennen gelernt habe, wird diese Unfreiheit auch dramatisiert und im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Ländern wie z.B. Kenia oder Südafrika ist es hier in Tansania doch um einieges sicherer. Doch dieses Gefühl, nicht einfach losstapfen zu können, wenn ich Lust dazu habe, oder das Gefühl zu haben, mich in permanenter Deckung zu befinden sobald ich allein irgendwo langgehe, kannte ich aus Deutschland einfach überhaupt nicht. Ich habe es immer auch sehr genossen, Sachen für mich allein zu machen, das Gefühl mich auf mich selbst verlassen zu können. Da muss ich oft ziemlich viele Kompromisse eingehen, was ich manchmal auch nicht so richtig einsehen will
doch es ist auch gut zu lernen, nicht immer meinen Dickkopf durchsetzen zu können.
Auf der anderen Seite habe ich gemerkt, dass uns diese Zeit auch ziemlich zusammengeschweißt hat. Man lernt sich halt extrem gut kennen, stellt sich aufein ander ein. Ich habe schon so viel von Rebecca gelernt. Einerseits ist es manchmal anstrengend, die Reibungen auf Grund unserer Unterschiedlichkeit, andererseits bedeutet dies auch eine ständige Auseinandersetzung mit sich selber, was auch ziemlich interessant sein kann.
Im Großen und Ganzen habe ich oft das Gefühl mich eigentlich gar nicht weiter zu entwickeln. Habe das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Doch in manchen Momenten wird mir bewusst, in DIESEN kleinen Momenten, dass allein der Aufenthalt hier mich schon zu einem völlig neuen Menschen gemacht hat. Die ständigen Einflüsse sind auch so klein und alltäglich, dass ich sie oft gar nicht war nehme. Wenn ich darüber nachdenke, wurde ich von einem Tag auf den anderen aus einer Welt herausgerissen und in eine komplett andere hinneingesetzt (dies war ja eigenltich kein passiver Vorgang, doch so lässt es sich einfacher beschreiben). Und manchmal kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass da eine andere Welt vorher war, dass gewisse Sachen, die so normal und selbstverständlich geworden sind, vorher nie da gewesen sind. Das ist meistens ein gutes Gefühl, doch manchmal kann es auch verzweifeln bei dem Gedanken, hier bald wieder weg zu sein und im Nachhinein das Gefühl zu haben für ein Jahr in irgendeinem Film mitgespielt zu haben.
Gestern hab ich einen Artikel in der Zeitung gelesen, von einem Typen, der zur Zeit im Weltwärtseinsatz in Kenia ist. Ich zitiere: „…das Wochenende, dann wechseln wir in jenes Kenia, das weit weg ist von unserem Alltag. Wir gehen zum Strand, kaufen leckere Lebensmittel, gehen in die Disco…“. Ich musste einfach nur lächeln als ich das gelesen habe…irgendwo her kenne ich das doch. Vor einer Woche ca. saßen wir noch in einem Waisenhaus und haben mit den Kindern gespielt…ausgemergelte kleine Leiber mit Lumpen an den kleinen Körperchen. Zu Silvester sitzen sitzen wir dann zwischen tansanischer ‘High-Society’ am Beach und trinken ‘Tequilla’.
Es gibt auch so Tage, an denen mir Sachen wieder neu auffallen, die ich schon fast für normal empfunden habe, obwohl sie eigentlich total krass sind. Ich kann mich noch an den Schock am Anfang erinnern: in den Clubs die weißen, alten Typen, die sich irgendwelche wunderschönen, jungen Tansanierinnen angeln…überall. Wir haben uns total geekelt, viel drüber diskutiert…irgend-wann war der Anblick normal. Doch dann ist es mir auch schon wieder passiert, dass es mir plötzlich wieder wie Schuppen von den Augen viel, ich es einfach nicht mehr ertragen konnte…diesen Anblick. Diese jungen Mädchen, die sich opfern für…??? Dann will ich bloß noch in mein Bett und die Decke über meinen Kopf ziehen. Der Typ aus dem Artikel benutzte das Wort ‘Sextourismus’. Mir schwirrt das jetzt die ganze Zeit im Kopf herum und merke, wie grausam richtig diese Bezeichnung doch ist.
Ich wünsche allen nochmal ein FROHES NEUES JAHR. Ein Dankeschön auch an all die fleißigen Leser, falls sie existieren
Selbst wenn nicht…diese Berichte bedeuten einfach für mich auch noch mal eine Reflektion. Doch weiterhin ‘Willkommen – Karibu Sana’!