Donnerstag, 21. August
Frisch geduscht und trotzdem schon wieder komplett durchgeschwitzt. Macht nichts. Bin ja nicht die Einziege hier.
Nach der Arbeit bin ich meistens ziemlich geschafft. Wenn ich los gehe ist es genau die Zeit der Mittagshitze (ca. 14 Uhr) und da ist jede Bewegung eine Überwindung. Endlich im Dala kommt mir dieser fast wie eine Oase vor, was man meistens nicht gerade behaupten kann. Glücklicher Weise ist der Bus an meiner Haltestelle meistens leer, weshalb ich sogar einen Sitzplatz bekommen (auch das ist Luxus!!!). Wenn der Tag es dann noch besser mit einem meint, findet man dann auf dem Weg nach Hause vielleicht sogar noch ein Kaffeeständchen. Und das ist dann wirklich ein übernatürliches Glücksgefühl.
Heute Abend sind wir mit ein paar deutschen Mädels, die für ein paar Monate ein Unibezogenes Praktikum in Dar machen, zum Kino verabredet. Also mal echt Luxus!!! Deutsche Gespräche und englischer Film…muss aber auch mal sein. Das ist zwischen all dem Swahili- und Englischgebrabbel echt angenehm.
Freitag, 22. August
Mtoni-Schule
Freitag fährt ein Teil der Schüler immer ins nahegelegene Stadium zum Sport. Ein kleiner roter, schrottiger Pick-Up, alle Kinder hinten reingequetscht und los geht’s.
Da nicht alle Kinder ins Auto passen, ist der Andrang auf die wenigen Plätze äußerst begehrt. Da wird geschrien und in die Luft gesprungen um die Aufmerksamkeit des Lehrers (Mwalimu, mwalimu. Mimi, mimi./Lehrer, ich, ich) zu erhaschen und die benachbarte Konkurrenz wird mal so eben aus dem Weg gekickt. In der Sporthalle geht das Gestreite gleich weiter: wer darf als erstes Fußball spielen, wer bekommt jetzt den Ball, wer darf jetzt mit „mwalimu Romy“ spielen (manchmal ist ist es echt heftig, wie sie an mir rumzotteln und sich um mich streiten…).
Egal wie groß die Behinderung des Kindes ist, der Spaß an der Bewegung ist riesig! Mit den etwas fitteren werden Ballspiele wie z.B. Fußball, Handball oder Volleyball gespielt. Das bekommen die dann auch ganz gut hin. Beim letzten mal wurden mit dem Rest einfache Renn- oder Ballübungen gemacht. Heute war es leider so, dass viele Kinder einfach so rumgesessen haben, während die paar wenigen gespielt haben. Und das obwohl es wahrlich genug Lehrer gab. Diese sitzen aber auch gern mal rum, oder haben selber soviel Freude am Ballspiel, dass sie vergessen, warum sie eigentlich da sind. Das ist kein Absicht und auch garnicht böse gemeint. Ist nur so’ne typische tansanische Eigenschaft: das Rumsitzen. Und dann habe ich das Gefühl, dass es da auch einfach noch am Bildungssystem scheitert. Die Lehrer kommen einfach nicht auf die Idee, dass ja auch zwei Kindergruppen gleichzeitig beschäftigt werden können. Das merke ich auch immer wieder beim Singen auf dem Schulhof. Da wäre es auch viel einfacher für das Personal und viel schöner und auch effektiver für die Schüler wenn man die Gruppe einfach teilen würde. Stattdessen schreien sie lieber irgendwann rum, weil sie die Kids nicht mehr ruhig bekommen.
Heute habe ich mir dann einfach ein paar Einzelne geschnappt. Die meisten von denen haben schon große Schwierigkeiten einen Ball zu fangen, geschweigedenn sich gegen die anderen durch zusetzen um ihn überhaupt zu bekommen. Doch sie freuen sich riesig, wenn man mit ihnen spielt und wenn sie dann auch noch den Ball fangen, kriegen sie sich garnicht mehr ein. So einfach und vielleicht auch eintönig das für mich dann sein kann, so viel Spaß macht es sich mit den kleinen Rackern zu freuen.
Wenn ich in der Schule aus dem Unterricht komme und es noch kurz Zeit bis zum Essen ist, gehe ich meistens in die Küche und suche mir dort irgendeine Arbeit. Das ist eine gute Abwechslung. Es geht einfach nicht, dass den ganzen Tag irgendwelche Kinder an einem rumzerren und einem ins Ohr schreien. Da brauch man auch mal eine Pause. In der Küche kann ich dann helfen, das Mittagessen vorzubereiten und ein bisschen mit den Mamas da quatschen. Das stelle ich mir am Lehrerberuf auch echt schwierig vor. Den ganzen Tag muss man zur Verfügung stehen. Auch in anderen Berufen. Immer die gleiche Tätigkeit. Das sollte so organisiert sein, dass man da ein bisschen hin und herspringen kann. Da ist man irgendwann nicht so ausgebrannt und es ist auch viel angenehmer.
Ok, jetzt Schluss mit dem Theoriescheiß.
In den nächsten Tagen zieht wahrscheinlich Pauls Mum hier aus. Eigentlich wollte sie sich ein Haus kaufen, doch erst mal zieht sie in eine Wohnung nach Sansibar. Abgesehen von den Streitigkeiten zwischendurch, die auch ziemlich laut geworden sind, haben wir uns mit der echt gut verstanden. Die Frau ist wirklich sehr gesprächig! Für mich sogar manchmal ein bisschen zu doll. Doch sie hat echt Ahnung. Hat lange Zeit als Journalistin gearbeitet und gehört sozusagen zur späteren 68er-Generation. Wir hatten also so einige Abende mit Bier und Gesprächen die wirklich geil waren. Man kann gut mit ihr diskutieren! Wenn sie weg ist, ist auch das kleine Zimmer hier frei. Ich habe mir überlegt, dass ich dann dahin umziehe. Im Moment wohne ich ja noch mit Rebecca in dem großen Zimmer mit dem Doppelbett, da das kleine bei unserem Einzug von Johann (Verein) bewohnt wurde. Wir kommen super miteinander klar. Hätte ich nie gedacht, dass ich mir für so lange Zeit ein Zimmer mit jemandem teilen kann.
Trotzdem hatte ich in der letzten Zeit das Bedürfnis mal die Tür hinter mir zu zumachen und nicht gesehen zu werden. Auch ist es dann morgens und abends viel einfacher, da ich meistens früher raus muss und wir abends auch nicht immer zur selben/gleichen (werd ich wohl nie lernen…) schlafen gehen.
Sign-Language
Seit einer Woche mache ich jetzt den Kurs für „Sign-Language“. Der neue Pastor, der jetzt ungefähr genauso lange an der Schule ist wie ich, hatte das Projekt vorgeschlagen, da es an der Schule viele Kinder gibt, die aufgrund ihrer Behinderung nicht richtig sprechen können. Langfristig soll es darum gehen, die Sprache an der Schule einzuführen um somit auch den „sprachlosen“ Kindern die Verständigung zu erleichtern. Im Moment überlege ich gerade, ob das nicht schwierig werden könnte, da viele von den Kindern ja auch Motorikprobleme haben. Außerdem war der Pastor genau einmal mit mir da (beim ersten Mal). Der hat entweder viel zu tun, was durchaus sein kann, oder er ist mal wieder einfach nur Tansanier.
Ich bin von der Idee auf jeden Fall sehr begeistert. Mal angenommen, wir schaffen es tatsächlich in der Schule damit anzufangen, wäre das langfristig gesehen eine super Sache an der ich auch echt Lust hätte mitzuarbeiten. Doch da muss man hier Geduld haben. Es wäre nicht das erste Mal, dass Sachen mehr versprechen, als sie letztendlich hergeben. Doch ich weiß zumindest von einer anderen Assistentin (es gibt außer den Lehrern noch so einige Assistenten an der Schule, die für’s kochen, putzen und die Beaufsichtigung der Kinder außerhalb des Unterrichts zuständig sind) die den Kurs auch gemacht hat. Na mal sehen, was das wird.
Der Kurs findet in einem Center der Organisation „CHAVITA – Tansania Association Of The Deaf“statt. Mir macht es im Moment auf jeden Fall ziemlich viel Spaß. Nach den ersten paar Malen, nachdem es dann auch thematisch komplexer wurde, hatte ich so meine Schwierigkeiten. Viele der Wörter verstand ich einfach noch nicht. Am Anfang war ja der Pastor noch da und hat mir die Sachen, die ich nicht wusste, bereitwillig übersetzt. Als er nicht mehr da war, wurde es schon ganz schön frustrierend da ich mit meinem Gefrage auch nicht immer unterbrechen und den Unterricht aufhalten wollte. Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass die anderen Teilnehmer nicht genervt und auch nicht abgeneigt waren mir zu helfen. Auch der Lehrer fragt jetzt oft nach, ob ich hinterherkomme und die Wörter verstehe. Darin zeigt sich eine sehr angenehme Eigenschaft der Tansanier, von der sich die Deutschen ruhig mal eine Scheibe abschneiden könnten. Sie sind unglaublich hilfsbereit. Auch wenn’s mal länger dauert sind sie nicht genervt und meckern rum, sondern versuchen mit allen ihnen möglichen Mitteln dir zu helfen. So kramen jetzt halt auch alle anderen Mitglieder ihre kleinen Englischsprachkenntnisse herraus und die Sache läuft.
Jetzt haben wir angefangen, kleine Geschichten zu lesen und diese dann anschließend mit den Händen zu erzählen. Dabei habe ich gemerkt, dass das auch mein Swahili enorm weiterbringt. Die Geschichten sind sehr einfach geschrieben und es kommen für mich immer nur einige neue Vokabeln dazu. Da muss man sich zwar mal auf den Hosenboden setzten und ein paar Vokabeln lernen, doch zum Teil lerne ich die auch automatisch durch die Handzeichen und das ständige Wiederholen dieser.
Was mir aber aufgefallen ist, dass die Menschen hier offensichtlich einen großen Hang zum Auswendiglernen haben. Die anderen Teilnehmer sollen z.B. immer die Geschichten dann aus dem Kopf vortragen. Mir wird das gütiger Weise dann immer vorgelesen. Doch den Menschen wird das Auswendiglernen hier auch in der Schule schon reingeprügelt (im wahrsten Sinne des Wortes!). Rebecca und eine andere Freundin die hier beide in Grundschulen arbeiten, haben erzählt, dass die Kinder zum größten Teil nichts aus eigenem Impuls tun können. Weder allein etwas zeichnen, noch anderweitig kreativ sein. Das Problem ist, dass sie das auch garnicht müssen. Die Lehrer verlangen von ihnen nur, dass sie leise sind, alles von der Tafel abschreiben und es schließlich auswendig wissen. Da muss auch nichts angewendet oder umgesetzt werden. Einfach nur rein damit.
Sonntag, 24. August
Es ist wirklich unglaublich, wie laut es an einem Sonntag Morgen hier ist! Entweder ist irgendwo drum herum ein Gottesdienst, oder irgendeine Duka meint, die Sonntagskunden besonders gut anlocken zu können, indem sie sie überschnell aus dem Bett befördert. Doch offensichtlich haben nur wir das Problem. Die Tansanier sind eher die Frühaufsteher. Also eben auch wir. Innerhalb kürzester Zeit sind wir aus den Federn.
Gestern waren wir bei einer Charity-Veranstalltung. Eingeladen waren wir von der Mama unserer Gastfamilie. Wir sind also zusammen dort hin gefahren, haben jedoch den ganzen Tag allein dort verbracht, da die Mama kurzfristig entschieden hatte, jemanden vom Flughafen abholen zu müssen. Die große Attraktion der Veranstaltung war ein Ziegenrennen. Die Einnahmen aus den Wetten wurden dann verschiedenen Projekten und Organisationen (Schulen, Vereine für Gehörlose, Krankenhäuser, etc.) gespendet. Es gab viel High-Society, überteuertes Essen und schicke Hüte. Wir begnügten uns also den Tag über mit Brot, Cola und und ein paar Beobachtungen aus dem Hinterhalt. Trotz der Langeweile war es auch mal interessant, zu sehen, wie so etwas abläuft. Klar kommt da auch extrem viel Geld in die Projekte. Ob sich die reichen Anwesenden damit nun profilieren oder nicht…ich hätte das Geld nicht.
Leider nahm der Tag dann ein weniger gutes Ende, da die Mama vergessen hatte uns abzuholen. Als wir uns bei ihr meldeten hieß es dann, sie hätte noch viel zu arbeiten und ob wir nicht ein Taxi nehmen können. Der Tag ist also niemals zu Ende, wenn man es denkt; eine Überraschung gibt es auf jeden Fall immer noch. Nachdem das Taxi dann unsere Geldbeutel gesprengt hatte, fanden wir auf dem Nachhauseweg zumindest noch was anständiges zu Essen. Der Reis, der uns schon fertig gekocht in Plastiktüten in die Hand gedrückt wurde, fand später seine Begleitung in Tomatensauce mit Bananen und Nüssen und war genau das richtige, um uns friedlich zu stimmen.